Rückblick
Die „anders wachsen“-Referent:innen blicken zurück auf ihre Zeit in dem Projekt „anders wachsen“
Anna Groschwitz – „anders wachsen“-Referentin von Juli 2016 – Juni 2019
Wie bist du auf „anders wachsen“ aufmerksam geworden, und was hat dich motiviert, dich als Referent:in zu bewerben?
Ich kam gerade aus der Elternzeit mit meinem dritten Kind und suchte nach einem Job. Ich hatte schon ein paar Bewerbungsgespräche hinter mir – aber nie hat’s so richtig gefunkt. Die Frauen kennen vielleicht, wovon ich spreche: die Unsicherheit nach der Elternzeit ist enorm: man fragt sich, was man eigentlich noch kann, was man möchte, und wie das alles überhaupt gehen kann. Dann bekam ich aus drei verschiedenen Ecken die Stellenausschreibung von anders wachsen zugespielt: „Guck mal Anna, wär das nichts für dich?“ Und tatsächlich: die Verbindung von Schöpfungsbewahrung, kritischen Fragen zum Kapitalismus, Bildungsarbeit, Spiritualität und Erneuerung von Kirche und Gesellschaft fand ich extrem spannend – und so logisch! Da machte es mir auch nichts aus, dass ich keine Expertin für Postwachstum war. Ich wollte das ausprobieren.
Auf welche Erfahrungen blickst du gerne zurück? Welche Momente waren für dich echte Highlights?
Immer wieder waren die Momente für mich Highlights, wo zu spüren war: hier gibt es Interesse, hier gibt es Ideen, hier will man sich den Fragen stellen oder auch: hier ist es gerade ganz still, weil man nachdenklich wird – oder dankbar, sich beschenkt fühlt.
Und dann gab es natürlich auch die großen Highlights: ein Konzert von Grupo Sal mit Lesung zum Buen Vivir, oder eine ganze Veranstaltungsreihe zu Postwachstum. Am schönsten fand ich aber die Gottesdienste unterm Sternenhimmel im Großen Garten mit minimalistisch, edler Ausstattung: ein paar Decken, Liedzettel, Gitarre, Sterne.
Und na klar: mich hat die Arbeit auch selbst sehr bewegt – wie wollen und können wir unser Zusammenleben im Shalom mit der Schöpfung und unseren Geschwistern weltweit gestalten? Und ich: was ist mir wichtig im Leben, was bedeutet Glück und Segen eigentlich für mich ganz persönlich?
Mit welchen Herausforderungen warst du während deiner Mitarbeit konfrontiert?
Das Projekt war sehr ambitioniert: Ziel war es, Gemeinden zu inspirieren und gemeinsam zu transformieren, hin zu einer anders-wachsen-Gemeinde. Das Interesse und die Aufmerksamkeit für anders wachsen waren groß – berechtigterweise. Allerdings mussten erst einmal Gemeinden gefunden werden, die sich auf diese Profilierung einlassen würden. Ich habe also viel Zeit darauf verwendet, in Gemeinden Bildungs- und Informationsarbeit zu machen. Obwohl das wichtige Arbeit und nicht umsonst war, hatte ich doch oft das Gefühl, nicht voranzukommen und (im Sinne des Projektziels) zu scheitern. Da war es gut, dass ich im ÖIZ eingebunden war, in ein Kolleg*innen-Team, mit dem ich Synergien entfalten konnte: das damals gemeinsam aufgebaute Netzwerk „Nachhaltige Gemeinde leben“ gibt es immer noch und ist mittlerweile wichtiger Bestandteil in Sachen Nachhaltigkeit in den Dresdner Kirchen.
Was möchtest du der Gemeinde zum Abschluss des Projekts mit auf den Weg geben?
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“* Juhuuu!
* 2.Tim.1,7
Juliane Prüfert – „anders wachsen“-Referentin von Sept. 2019 bis März 2022
Johannes Springsguth – „anders wachsen“-Referent von Mai 2022 bis Aug. 2023
Wie bist du auf „anders wachsen“ aufmerksam geworden, und was hat dich motiviert, dich als Referent:in zu bewerben?
Für die Arbeitsstelle meiner jetzigen Frau sind wir aus Bayern nach Dresden gezogen. Ich suchte eine Möglichkeit für den Berufseinstieg, nach einer Stelle „mit Sinn“. Im Studium Bildung für nachhaltige Entwicklung an der mathematisch-geografischen Fakultät der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hatte ich mich tief mit der Nachhaltigkeitsdebatte beschäftigt. Auf anders wachsen wurde ich schnell aufmerksam. Die Beschreibung eines Projektes, das die traditionellen Stärken der Kirchen, wie Glaube und Gemeinschaft mit den politisch-gesellschaftlich notwendigen Themen der Zeit verbinden möchte um dadurch eine notwendige Veränderung anzustoßen, stieß bei mir auf Neugier. Die Bewerbung ging raus…
Auf welche Erfahrungen blickst du gerne zurück? Welche Momente waren für dich echte Highlights?
Durch anders-wachsen konnte eines rund um die Trinitatiskirche besonders spürbar werden: Es kamen neue Gesichter. Bunte Gesichter. Kirchennahe und Kirchenferne. Sich als Gläubige und als Atheisten bezeichnende Menschen. Ältere und Jüngere. Mit Piercings, Tatoos und bunten Haaren. Als ehemalige Wohnungslose. Sie alle kamen zusammen. Weil sie etwas verband: Der Glaube an eine gute Zukunft und die Erkenntnis, dass Zukunft bei einem selbst und im kleinsten Miteinander beginnt. Das zu sehen war auf jeden Fall mein absolutes Highlight.
Mit welchen Herausforderungen warst du während deiner Mitarbeit konfrontiert?
Ganz klar, die Konturen des Projekts stärker zu skizzieren. Zu Beginn musste ich erstmal herausfinden, wie die Menschen der Gemeinde dem Projekt gegenüberstehen, welche Ideen bereits inwieweit angenommen werden, was vielleicht gestrichen und was neu hinzukommen kann. Das hat einige Zeit gedauert. Hinzu kam mein Wissen, dass ein Projekt meist einen Leuchtturmeffekt haben und Wegweiser sein kann, es aber nicht die optimale Form für dauerhafte Veränderungen ist. Das bekam ich leider auch zu spüren. Manches Wichtige kam kaum ins Rollen.
Was möchtest du der Gemeinde zum Abschluss des Projekts mit auf den Weg geben?
Die Zukunft beginnt immer jetzt. Die Gegenwart ist die kürzeste Zeitspanne, die jetzt bereits Vergangenheit ist. Warum also machen wir uns immer so viele Gedanken und Sorgen um die Gegenwart? Schauen wir lieber nach vorne, denn da kommen wir als Nächstes hin. Schnappt euch einen externen Berater und Moderator, der euch mit WIA bekannt macht (Spoiler: Das ist kein Pferd!) und euch im Prozess begleitet. Durch den Whole Institution Approach (WIA) wird eine gesamte Institution auf allen Ebenen systematisch analysiert und als Gesamtsystem auf eine enkeltaugliche Zukunft ausgerichtet. Klingt anstrengend? Ja, aber Freude macht es auch. Und es ist sowas von christlich, das zu tun 😉 Danke für die Zeit mit allen, die anders-wachsen mit mir in der kurzen Zeit, die ich dabei sein konnte, gelebt haben!
Kerstin Göpfert – Projektkoordinatorin von Nov. 2023 bis Dez. 2025
Wie bist du auf „anders wachsen“ aufmerksam geworden, und was hat dich motiviert, dich als Referent:in zu bewerben?
Ich habe 2019-2021 für die Initiative „Ökumenischer Weg“ gearbeitet und habe die Entwicklungen rund um „anders wachsen“ aus der Ferne mitbekommen. 2022 sprach mich Karin Großmann an, ob ich mir nicht vorstellen könne, mich für die Stelle in der Johannstadt zu bewerben. Während ich zuvor mit landeskirchlichen Strukturen und der Vernetzung von Initiativen und Akteuren zu tun hatte, sollte es nun Basisarbeit sein. Das war die eine Herausforderung, die mich motivierte. Das andere war der Gedanke, als Kirche bewusst im Stadtteil aktiv zu sein und Menschen in den Fokus zu nehmen, die nicht zur Kerngemeinde gehören oder auch gar nicht kirchlich gebunden sind. Wie kann durch gemeinsames Tun Bindung entstehen und Gemeinschaft wachsen? Das war, neben den Aspekten der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes, eine wichtige Frage für mich.
Auf welche Erfahrungen blickst du gerne zurück? Welche Momente waren für dich echte Highlights?
Mein Dienst war vor allem vom „Sonntagmittag“ geprägt. Es war die erste Herausforderung, der ich mich stellen durfte: innerhalb von vier Wochen das Projekt wieder auf die Bahn zu setzen. Am Anfang kamen nur wenige Gäste und wir hatten die Chance, uns einzuspielen. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Gäste und auch Mitarbeitende dazu. Viele Menschen wurden zu Stammgästen. Der „Sonntagmittag“ ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens geworden. Wir haben miteinander Freud und Leid geteilt. Als 2024 nach acht Monaten Sommerpause am 1. Advent die ersten Gäste die Treppe heraufkamen, da war es als würden sie „nach Hause kommen“. Sie freuten sich, wieder da sein zu dürfen. Und sie waren dankbar, dass unser Projekt weitergehen konnte. Das war eines meiner Highlights.
Ein weiteres Highlight sind die Mitarbeitenden des Sonntagmittags, die nach und nach zum Projekt dazugestoßen sind. Es hat sich ein tolles Team gebildet, dass große Integrationskraft hat. Von der Studentin bis zum Rentner treffen Menschen aufeinander, die in unterschiedlichen Lebensphasen stecken und verschiedene Lebenswege gegangen sind. Einige gehören zur Kirchgemeinde, andere haben sich z.B. über das Portal „Ehrensache jetzt“ gewinnen lassen. Manche bringen eine Migrationsgeschichte mit und nutzen das Projekt, um sich gezielt in die Gesellschaft einzubringen. Andere nutzen die Kontakte, um deutsch zu lernen. Allen gemein ist, dass sie sich einbringen, das Miteinander genießen und immer wieder glücklich und zufrieden nach Hause fahren. Somit ist dieses Projekt zu einem Segen geworden – nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Mitarbeitenden.
Mit welchen Herausforderungen warst du während deiner Mitarbeit konfrontiert?
Auf der einen Seite stand das Projektziel „Schaffen einer Gemeinschaft, welche das „anders wachsen“-Konzept lebt, indem sie Leben und Glauben teilt, Ideen für alternatives Wachstum entwickelt und nachhaltige Maßnahmen in der lokalen Kirchgemeinde und dem Stadtteil Dresden-Johannstadt umsetzt.“ und auf der anderen Seite erlebte ich eine Kirchgemeinde, die von sich aus kaum Erwartungen an das Projekt zu haben schien. Mit dieser Diskrepanz galt es umzugehen. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um herauszufinden, wo meine Spielräume waren und wo es sinnvolle Anknüpfungspunkte gab. Veränderungen mussten vorsichtig eingebracht werden und durften auch nicht gleich überfordern. Mitwirkende aus der Gemeinde gab es nur wenige. Ich habe sehr engagierte Menschen kennengelernt, die aber kaum noch Kapazitäten für Neues und auch wenig Interesse an Vernetzung hatten. So habe ich letztendlich viele kleine Projekte begleitet, die aber leider nie zu einem Großen zusammengewachsen sind. „anders wachsen“ ist leider zu keinem Identitätsanker für die Gemeinde oder auch für die Engagierten geworden.
Was möchtest du der Gemeinde zum Abschluss des Projekts mit auf den Weg geben?
Ich wünsche der Gemeinde, dass sie den Mut und die Energie hat, an einigen der Projekten festzuhalten, und dass sie diese zum Anlass nimmt, sich weiter im Stadtteil zu engagieren. Das wird sicherlich Zeit-, Geld- und Personalressourcen brauchen, aber der Gewinn ist es, mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen. Diesen frischen Wind braucht es. Fragt danach, warum gerade ihr etwas zum Stadtteil beizutragen habt und bringt euch ein. Kirche wird langfristig nur dort wachsen, wo sie sich für Außenstehende öffnet und sich für die Bedürfnisse anderer einsetzt. Und wenn euch die Ideen ausgehen sollten, dann lest von Franz Meurer „Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders“.